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Aus für die Geburtshilfe in Sögel: Was das für Familien im Landkreis Cloppenburg bedeutet
Die Geburtsstation im emsländischen Sögel wird geschlossen – mit spürbaren Folgen für Schwangere im Landkreis Cloppenburg. Die Wege zum nächsten Kreißsaal werden für viele Familien deutlich länger, die Versorgungslage verschärft sich weiter.
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Die Nachricht trifft werdende Eltern in der gesamten Region hart: Die Geburtsstation am Hümmling Hospital in Sögel wird geschlossen. Für Schwangere aus dem Landkreis Cloppenburg, insbesondere aus dem nördlichen und östlichen Kreisgebiet, war die Klinik im benachbarten Emsland bislang eine wichtige Anlaufstelle. Mit dem Wegfall dieser Einrichtung verschärft sich die ohnehin angespannte Versorgungslage in der Geburtshilfe weiter – und die Wege in den Kreißsaal werden für viele Familien deutlich länger.
Die Schließung der Geburtsabteilung in Sögel reiht sich in einen bundesweiten Trend ein, der seit Jahren zu beobachten ist: Immer mehr kleinere Krankenhäuser geben ihre geburtshilflichen Abteilungen auf. Die Gründe dafür sind vielfältig – von wirtschaftlichem Druck über den akuten Fachkräftemangel bei Hebammen und Gynäkologen bis hin zu den steigenden regulatorischen Anforderungen an die Ausstattung von Kreißsälen und die personelle Rund-um-die-Uhr-Besetzung. Was betriebswirtschaftlich nachvollziehbar sein mag, hat für die betroffenen Familien ganz konkrete und teilweise gravierende Konsequenzen.
Für den Landkreis Cloppenburg bedeutet die Entwicklung in Sögel einen weiteren Rückschlag in der wohnortnahen Versorgung. Gerade für Schwangere aus Gemeinden wie Molbergen, Lastrup oder auch Teilen der Stadt Cloppenburg war das Hümmling Hospital eine erreichbare Alternative zu den größeren Häusern in der Region. Wer bislang den vergleichsweise kurzen Weg nach Sögel auf sich nehmen konnte, muss nun auf andere Kliniken ausweichen – etwa auf das St. Josefs-Hospital in Cloppenburg, das Christliche Krankenhaus in Quakenbrück, das Krankenhaus in Löningen oder die Krankenhäuser in Meppen und Papenburg. Doch auch diese Häuser stehen unter Druck und arbeiten vielfach bereits an ihren Kapazitätsgrenzen.
Besonders problematisch ist die Situation für Frauen mit Risikoschwangerschaften oder solche, bei denen sich eine Geburt besonders schnell ankündigt. Hebammen und Mediziner warnen seit Langem davor, dass lange Anfahrtswege das Risiko von Komplikationen erhöhen können. Eine Entfernung von 45 Minuten oder mehr zum nächsten Kreißsaal ist in einer akuten Geburtssituation keine Lappalie – sie kann im Ernstfall über die Gesundheit von Mutter und Kind entscheiden. Gerade im ländlichen Raum Niedersachsens, wo die Infrastruktur ohnehin nicht mit urbanen Zentren vergleichbar ist, verschärft jede weitere Schließung einer Geburtsstation diese Problematik.
Die Geburtshilfe im ländlichen Raum steht exemplarisch für ein strukturelles Problem des deutschen Gesundheitssystems. Kleinere Abteilungen mit wenigen hundert Geburten pro Jahr gelten als unwirtschaftlich, gleichzeitig können sie die geforderten Qualitätsstandards häufig nicht mehr erfüllen, weil ihnen schlicht das Personal fehlt. Der Teufelskreis ist bekannt: Weil die Arbeitsbedingungen in kleinen Häusern oft besonders belastend sind, wandern Hebammen und Ärzte ab, was die Situation weiter verschlechtert, bis eine Abteilung schließlich nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Die Leidtragenden sind am Ende die Familien, die in der Region leben und auf eine erreichbare Versorgung angewiesen sind.
Im Landkreis Cloppenburg, einem der geburtenstarken Kreise Niedersachsens, hat das Thema eine besondere Brisanz. Die Region verzeichnet seit Jahren überdurchschnittlich hohe Geburtenzahlen, was die vorhandenen Kapazitäten zusätzlich unter Druck setzt. Das St. Josefs-Hospital in Cloppenburg als größtes Haus im Kreisgebiet leistet bereits heute einen erheblichen Beitrag zur geburtshilflichen Versorgung. Die Frage, ob und wie die dort vorhandenen Strukturen ausreichen, um den zusätzlichen Bedarf nach der Sögeler Schließung aufzufangen, ist drängend und muss von den Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik und der Krankenhausplanung beantwortet werden.
Auch die ambulante Hebammenversorgung spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Denn schon vor der Schließung in Sögel war es für viele Schwangere im Landkreis Cloppenburg nicht einfach, eine Hebamme für die Vor- und Nachsorge zu finden. Der Mangel an freiberuflichen Hebammen ist im ländlichen Raum besonders ausgeprägt. Wenn nun zusätzlich ein Kreißsaal wegfällt, steigt der Druck auf das gesamte geburtshilfliche Versorgungssystem – von der Schwangerschaftsvorsorge über die Geburt bis hin zur Wochenbettbetreuung. Experten fordern deshalb seit Langem eine ganzheitliche Betrachtung der Situation, anstatt nur auf einzelne Krankenhausstandorte zu blicken.
Die niedersächsische Landesregierung steht in der Pflicht, gemeinsam mit den Krankenhausträgern und den Kommunen tragfähige Lösungen zu entwickeln. Die von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach angestoßene Krankenhausreform soll zwar langfristig für klarere Strukturen sorgen und die Qualität der Versorgung verbessern. Doch Kritiker bemängeln, dass gerade die geburtshilfliche Versorgung im ländlichen Raum bei den Reformplänen zu kurz kommt. Es brauche verbindliche Vorgaben für Mindestentfernungen und eine ausreichende Finanzierung, um wohnortnahe Kreißsäle auch dann offenzuhalten, wenn sie sich betriebswirtschaftlich nicht rechnen. Denn Geburtshilfe ist Teil der Daseinsvorsorge – und sollte nicht allein nach ökonomischen Maßstäben bewertet werden.
Für die werdenden Eltern im Landkreis Cloppenburg und den angrenzenden Regionen bleibt die Lage vorerst angespannt. Der Appell an die Politik ist deutlich: Die geburtshilfliche Versorgung muss als elementarer Bestandteil der ländlichen Infrastruktur begriffen und entsprechend gesichert werden. Es geht um nicht weniger als die Frage, ob junge Familien in der Region eine Zukunft sehen – oder ob sie sich aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung gezwungen fühlen, in städtische Gebiete abzuwandern. Die Schließung in Sögel ist damit weit mehr als eine lokale Krankenhausentscheidung. Sie ist ein Weckruf für die gesamte Region.
Was bleibt, ist die dringende Notwendigkeit, die bestehenden Strukturen im Landkreis Cloppenburg zu stärken und weiterzuentwickeln. Dazu gehört eine bessere Vergütung und Gewinnung von Hebammen, der Ausbau von Kapazitäten an den verbliebenen Standorten sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen den Kliniken im Oldenburger Münsterland und dem Emsland. Nur so kann verhindert werden, dass die Versorgungslücke, die durch die Schließung in Sögel entsteht, zu einer dauerhaften Gefährdung der geburtshilflichen Versorgung in der Region wird. Die Zeit zu handeln ist jetzt – denn werdende Eltern können nicht warten, bis politische Prozesse abgeschlossen sind.
