Wirtschaft
Biogas-Anlagen in der Krise: Landkreis Cloppenburg sucht nach Lösungen für bedrohte Energieproduzenten
Biogas-Betriebe im Landkreis Cloppenburg kämpfen mit massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Sinkende Energiepreise und steigende Betriebskosten gefährden die Existenz vieler Anlagen.
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Die Biogas-Branche in der Region Cloppenburg befindet sich in einer kritischen Phase. Was lange Zeit als zukunftsweisende Investition in erneuerbare Energien galt, entwickelt sich für viele Betreiber zur wirtschaftlichen Belastungsprobe. Landwirte und Energieunternehmer, die in den vergangenen Jahren auf Biogasanlagen als zusätzliche Einnahmequelle vertraut haben, sehen sich nun mit rückläufigen Erlösen und gleichzeitig steigenden Kosten konfrontiert. Experten warnen vor Insolvenzen im Sektor und fordern ein Umdenken in der Energiepolitik.
Die schwierigsten Bedingungen ergeben sich dabei aus einem doppelten Effekt am Energiemarkt. Zum einen sind die Preise für Strom, den die Biogas-Anlagen ins Netz einspeisen, erheblich gesunken. Die Erlöse aus der Stromproduktion, lange Zeit das finanzielle Rückgrat dieser Anlagen, reichen vielen Betreibern mittlerweile nicht mehr aus, um die laufenden Betriebskosten zu decken. Zum anderen sind die Ausgaben für Wartung, Personal und Rohstoffe kontinuierlich angewachsen. Viele Betreiber zahlen heute deutlich höhere Preise für die Substrate – also die Biomasse, die zur Gasproduktion vergärt wird – als noch vor zwei oder drei Jahren.
Besonders problematisch ist die Situation für jene Anlagenbetreiber, die vor einigen Jahren mit Unterstützung durch Förderprogramme in ihre Biogas-Technologie investiert haben. Die Subventionen wurden teilweise unter der Annahme gewährt, dass die Strompreise auf einem bestimmten Niveau bleiben würden. Diese Kalkulationen sind mittlerweile überholt. Betreiber mit hohen Kreditverpflichtungen geraten dadurch schnell in finanzielle Schieflage. Einige Anlagen wurden bereits stillgelegt, andere fahren nur noch in reduzierter Leistung.
Die Situation im Landkreis Cloppenburg ist repräsentativ für die Entwicklungen in der gesamten Region Weser-Ems und darüber hinaus. Der Landkreis Cloppenburg verfügt über eine beträchtliche Anzahl von Biogasanlagen, die teilweise an intensive Viehwirtschaft gekoppelt sind und zur Gülleverwertung beitragen. Diese dual-funktionale Rolle – Energieproduktion plus Abfallwirtschaft – ist ein Vorteil, hilft aber nicht immer bei der Kostendeckung. Besonders kleinere bis mittlere Anlagen mit einer Leistung im unteren dreistelligen Kilowatt-Bereich sind betroffen.
Welche Kostenfaktoren sind konkret gestiegen? Die Preise für Maissilage und andere Gärsubstrate haben sich teilweise verdoppelt. Fütterungskosten sind explodiert, was sich wiederum auf die Verfügbarkeit von Gülle auswirkt. Gleichzeitig sind die Wartungs- und Reparaturkosten nicht gesunken – im Gegenteil: spezialisiertes Fachpersonal wird knapper und damit teurer. Auch Gasaufbereitungsanlagen und moderne Sicherheitssysteme erfordern regelmäßige Inspektionen und Austausche. Versicherungen haben ihre Prämien teilweise erhöht, weil sie das Risiko für den Sektor neu bewerten.
Die Strompreise wiederum sind unter Druck. Der Markt für Grünstrom ist überversorgt, die Konkurrenz durch Windkraft und Photovoltaik ist massiv gewachsen. Während früher Biogasanlagen mit garantierten Einspeisevergütungen rechnen konnten, ist der Markt heute deutlich dynamischer und volatiler. Nur wer seine Erzeugung flexibel anpassen kann oder zusätzliche Mehrwerte durch Biomethan oder Wärmenutzung schafft, kann noch rentabel arbeiten. Für klassische Stromeinspeisung aus Biogas werden die Margen immer dünner.
Lokale Interessenvertreter und Verbände haben deshalb bereits Alarm geschlagen. Sie fordern von der Landes- und Bundespolitik, die Rahmenbedingungen für Biogas zu überdenken. Eine Möglichkeit wäre, die Einspeisevergütung anzupassen oder zeitlich befristet zu erhöhen. Andere schlagen vor, Biogasanlagen stärker bei der Wärmenutzung zu unterstützen, um eine höhere Gesamteffizienz zu erreichen. Manche Betreiber experimentieren bereits mit Biomethan-Aufbereitung oder vermarkten ihre Wärme an Nahwärmenetze.
Dabei ist nicht zu vergessen: Biogas spielte lange Zeit eine wichtige Rolle in der Energiewende-Strategie. Während Wind- und Solarenergie wetterabhängig sind, bietet Biogas eine stabilere, kontinuierlichere Energiequelle. Die dezentrale Erzeugung ist zudem ein Vorteil für die regionale Wertschöpfung. Mit dem Niedergang dieser Technologie könnten also auch solche Vorteile verloren gehen. Dies erklärt auch das Interesse von Kommunalpolitik und Wirtschaftsverbänden an einer Lösung des Biogas-Problems.
Für einzelne Betriebe stellt sich die Frage der Weiterbetrieb oder Umstellung immer drängender. Einige Landwirte überlegen, ihre Anlagen zu konvertieren und stattdessen Photovoltaik auf Ställen oder Lagerhallen zu installieren. Andere sondieren Möglichkeiten für Power-to-Heat-Anwendungen oder Wasserstoff-Produktion. Doch diese Alternativen erfordern ebenfalls Investitionen und sind nicht für alle Standorte gleich attraktiv.
Experten betonen, dass es nicht um eine grundsätzliche Ablehnung von Biogas geht, sondern um eine Anpassung an veränderte Marktbedingungen. Die Technologie selbst ist ausgereift und funktioniert zuverlässig. Das Problem ist die Wirtschaftlichkeit unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen. Ein Neubeginn würde voraussetzen, dass Förderprogramme neu justiert werden, dass Stromabnahmebedingungen verlässlicher werden und dass Betreiber Planungssicherheit für die kommenden Jahre bekommen.
Die kommenden Monate werden zeigen, wie viele Anlagen im Landkreis Cloppenburg ihren Betrieb aufrechterhalten können. Branchenkenner rechnen damit, dass bis Ende des Jahres einige Stilllegungen folgen werden. Dies wäre nicht nur für die betroffenen Betreiber ein Rückschlag, sondern auch für die regionalen Klimaziele. Die Biogas-Krise ist daher nicht nur eine Wirtschaftsfrage, sondern auch eine Frage der Energiewende und der Zukunftsfähigkeit ländlicher Regionen.
