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Massive Baumfällungen am Friesoyther Rückhaltebecken: Wer trägt die Verantwortung?
Am Rückhaltebecken an der Friesoyther Umgehungsstraße wurden in letzter Zeit zahlreiche Bäume gefällt. Anwohner und Naturschützer stellen nun kritische Fragen zur Rechtmäßigkeit und den Gründen für diese drastischen Maßnahmen.
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Die Kettensägen sind verstummt, doch die Diskussionen in Friesoythe sind lauter geworden. Am Rückhaltebecken entlang der Umgehungsstraße haben umfangreiche Fällungsarbeiten stattgefunden, die bei Anwohnern und Naturschutzverbänden für Verwunderung und Unmut gesorgt haben. Was zunächst wie eine routinemäßige Reinigungsmaßnahme wirken mag, offenbart bei näherer Betrachtung ein komplexes Geflecht aus rechtlichen Fragen, behördlichen Zuständigkeiten und dem Schutz von Natur und Landschaft.
Das Rückhaltebecken an der Friesoyther Umgehungsstraße erfüllt eine wichtige Funktion im städtischen Entwässerungssystem. Es dient der Zwischenlagerung von Regenwasser und trägt damit maßgeblich zum Hochwasserschutz bei. Im Laufe der Jahre hat sich auf und um das Becken ein ökologisch wertvoller Bestand an Gehölzen entwickelt, der vielen Vogelarten Lebensraum bietet und das Stadtbild prägt. Umso überraschender wirken daher die massiven Fällungsarbeiten der jüngsten Vergangenheit auf Bürger, die diese grüne Oase als wichtige Erholungsfläche und ökologisches Refugium in der Nähe von Friesoythe schätzen gelernt haben.
Die betroffenen Anwohner berichten von großflächigen Rodungen, bei denen Dutzende von Bäumen unterschiedlicher Größe und Alter entfernt wurden. Hecken, die jahrzehntelang als natürliche Grenzen und Sichtschutz dienten, wurden ebenso radikal beseitigt wie artenreiche Gehölzbestände. Für viele Friesoyther ein unverständlicher und schmerzhafter Eingriff in die Natur. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit und dem rechtlichen Hintergrund dieser Maßnahmen bleiben vielen Bürgern auf der Zunge. Waren die Arbeiten notwendig? Wer hat diese entschieden? Welche Genehmigungen lagen vor?
Beachtet man die gesetzlichen Vorgaben zum Schutz von Natur und Landschaft in Niedersachsen, wird die Angelegenheit noch brisanter. Das niedersächsische Naturschutzgesetz regelt streng, unter welchen Bedingungen und zu welchen Jahreszeiten Gehölzbestände entfernt werden dürfen. Während der Brutzeit von Vögeln, die typischerweise von März bis September andauert, unterliegen Fällungsarbeiten besonderen Beschränkungen zum Schutz von Vogelnestern und Jungvögeln. Naturschutzexperten mahnen daher zur Vorsicht: Wurden die einschlägigen Fristen und Vorschriften tatsächlich eingehalten? Waren artenschutzrechtliche Prüfungen vorgesehen und durchgeführt worden?
Die zuständigen Behörden schweigen bislang zu den Hintergründen und Beweggründen. Unklar bleibt, ob die Fällungen im Rahmen einer Verkehrssicherungsmaßnahme durchgeführt wurden, ob das Becken selbst gereinigt werden sollte oder ob andere betriebliche Gründe ausschlaggebend waren. Eine öffentliche Begründung der Maßnahmen ist Bürgern und Medienvertretern bis dato verwehrt geblieben. Diese Intransparenz trägt nicht dazu bei, das Vertrauen in die Verwaltungshandlungen zu stärken. Im Gegenteil: Sie schürt zusätzliche Spekulationen und verstärkt das Unbehagen in der Bevölkerung.
Lokalhistoriker und Umweltschützer weisen zudem darauf hin, dass das Rückhaltebecken über Jahrzehnte hinweg zu einem wertvollen Biotop herangewachsen ist. Hecken und Bäume bieten nicht nur verschiedenen Vogelarten Schutz und Nahrung, sondern tragen auch zur Luftverbesserung, zur Lärmminderung und zum allgemeinen Wohlbefinden der Anwohner bei. Diese ökologischen Funktionen lassen sich nicht innerhalb kurzer Zeit wiederherstellen, selbst wenn künftig Ausgleichspflanzungen vorgesehen sein sollten. Ein alter Baumbestand ist kaum zu ersetzen; die biologische Vielfalt, die darin wohnt, entwickelt sich erst nach vielen Jahren neu.
Vergleichbare Fälle aus anderen niedersächsischen Kommunen zeigen, dass solche Großmaßnahmen oft Anlass für öffentliche Debatten geben und nicht selten zu kritischen Überprüfungen durch Naturschutzverbände oder Verwaltungsgerichte führen. Die Diskrepanz zwischen Naturschutzzielen, wie sie in lokalen Klimaschutz- und Biodiversitätskonzepten festgehalten sind, und praktischen Verwaltungshandlungen wird dabei häufig deutlich. Auch Friesoythe hat sich zu Nachhaltigkeitszielen bekannt – umso fragwürdiger wirken daher großflächige Gehölzvernichtungen ohne erkennbare ökologische Kompensation.
Für die kommenden Wochen werden Transparenz und eine offene Diskussion erforderlich sein. Bürgermeister, Stadtverwaltung und die zuständigen Dezernate sollten eine ausführliche Stellungnahme zur Sache abgeben. Welche rechtlichen Grundlagen bestanden? Wer hat die Arbeiten in Auftrag gegeben und genehmigt? Wie wird mit den ökologischen Folgen umgegangen? Sind Wiederaufforstungsmaßnahmen oder ökologische Ausgleiche geplant? Solche Fragen verdienen klare und nachvollziehbare Antworten.
Auch für zukünftige Maßnahmen an städtischen Grünflächen sollten Lektionen gezogen werden. Ein verstärkter Austausch zwischen Verwaltung, Naturschutzbehörden, Umweltverbänden und betroffenen Anwohnern könnte solche Konflikte in Zukunft verhindern. Wenn die Stadt Friesoythe ihre Ziele zur Steigerung der Lebensqualität und zum Schutz der Umwelt ernst nimmt, muss sie solche Großmaßnahmen transparenter gestalten und ihre Entscheidungen besser begründen. Das Vertrauen der Bürger ist das Fundament einer guten Stadtverwaltung – und dieses Vertrauen wird auch durch die Achtung von Natur und Landschaft gestärkt.
