Blaulicht
Psychische Belastung im Einsatz: Feuerwehren im Landkreis Oldenburg schulen erste PSNV-Ersthelfer
Der Landkreis Oldenburg bildet erstmals spezialisierte Ersthelfer für psychosoziale Notfallversorgung aus. Diese sollen Feuerwehrleute bei traumatischen Erlebnissen unmittelbar unterstützen.
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Einsatzkräfte der Feuerwehr sind im Dienst regelmäßig mit belastenden Situationen konfrontiert. Schwere Unfälle, Brände mit Todesfolgen oder Rettungseinsätze bei Katastrophen hinterlassen oft tiefe psychische Spuren. Um ihre Mitglieder besser zu unterstützen, hat der Landkreis Oldenburg nun ein innovatives Programm ins Leben gerufen: Speziell geschulte Ersthelfer für die psychosoziale Notfallversorgung, kurz PSNV-Ersthelfer, sollen künftig bei kritischen Einsätzen zur Seite stehen.
Das Projekt startete mit einem ersten Ausbildungsdurchgang, bei dem insgesamt 18 Feuerwehrleute aus verschiedenen Feuerwehren des Landkreises teilnahmen. Diese Einsatzkräfte absolvieren nun eine spezialisierte Schulung, um nach belastenden Einsätzen unmittelbare psychologische Erste Hilfe leisten zu können. Das Ziel ist ambitioniert: Jede Feuerwehr im Landkreis Oldenburg soll langfristig über mindestens zwei ausgebildete PSNV-Ersthelfer verfügen. Dies würde bedeuten, dass insgesamt etwa 40 bis 50 Einsatzkräfte diese Zusatzqualifikation erhalten sollten.
Die Notwendigkeit solch spezialisierter Unterstützung ist wissenschaftlich gut belegt. Studien zeigen, dass Einsatzkräfte von Rettungsdiensten, Polizei und Feuerwehr ein deutlich erhöhtes Risiko für Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und andere psychische Erkrankungen aufweisen. Ein unmittelbare psychologische Begleitung direkt nach einem traumatischen Einsatz kann nachweislich die langfristigen Auswirkungen reduzieren und die psychische Widerstandskraft stärken.
Die Ausbildung der PSNV-Ersthelfer umfasst intensives Wissen über Traumafolgen und stressbedingte Reaktionen. Die geschulten Feuerwehrleute lernen, Symptome von psychischen Belastungen zu erkennen, einfühlsam mit betroffenen Kollegen zu sprechen und sie bei der Bewältigung zu unterstützen. Gleichzeitig werden sie dafür sensibilisiert, wann es notwendig ist, professionelle psychologische Hilfe hinzuzuziehen. Die Schulung bereitet die Ersthelfer auch darauf vor, mit den verschiedenen Arten von Einsätzen umzugehen – von schweren Verkehrsunfällen über Brände bis hin zu Naturkatastrophen.
Ein wichtiger Aspekt der PSNV-Arbeit ist die unmittelbare Intervention nach dem Einsatz. Oftmals können bereits Gespräche in den ersten Stunden nach einem traumatischen Ereignis einen großen Unterschied machen. Die geschulten Ersthelfer können ihre Kollegen stabilisieren, sie wissen lassen, dass ihre Reaktionen normal sind, und ihnen Unterstützung anbieten. Dies schafft auch eine Kultur der gegenseitigen Hilfe und Akzeptanz innerhalb der Feuerwehren.
Der Landkreis Oldenburg geht mit diesem Projekt einen wichtigen Schritt in Richtung einer modernen und psychologisch sensibilisierten Einsatzkultur. Während körperliche Verletzungen von Feuerwehrleuten lange schon Bestandteil der Versorgung sind, wurde psychische Belastung lange Zeit tabuisiert oder übersehen. Das ändert sich zunehmend, und der Landkreis positioniert sich hier als Vorreiter unter den niedersächsischen Behörden.
Die 18 Teilnehmenden des ersten Ausbildungsdurchgangs kommen aus verschiedenen Feuerwehrverbänden des Landkreises und bringen unterschiedliche Erfahrungen mit. Sie fungieren künftig als Multiplikatoren, die ihr Wissen an ihre eigenen Feuerwehren weitergeben können. Damit wird das Projekt über die einzelnen Feuerwehren hinaus zu einem wichtigen Netzwerk für psychische Notfallversorgung in der Region.
Darüber hinaus plant der Landkreis, sein PSNV-Netzwerk schrittweise auszubauen. Neben den Feuerwehren sollen auch Rettungsdienste, Polizei und andere Einsatzbehörden eingebunden werden. Ein gut koordiniertes Netzwerk ermöglicht es, dass bei größeren Einsätzen oder Katastrophen unmittelbar psychologische Unterstützung zur Verfügung steht – nicht nur für die direkt betroffenen Einsatzkräfte, sondern auch für Angehörige von Opfern oder sonstige beteiligte Personen.
Psychische Erste Hilfe ist kein Ersatz für professionelle psychologische Betreuung, sondern eine Ergänzung. Viele Einsatzkräfte profitieren jedoch davon, dass bereits unmittelbar nach einem belastenden Einsatz jemand da ist, der versteht, was sie erlebt haben, und sie unterstützt. Dies kann den Unterschied zwischen langfristigen psychologischen Problemen und einer guten Bewältigung bedeuten.
Das Projekt der PSNV-Ausbildung im Landkreis Oldenburg ist somit ein wichtiges Signal: Der Landkreis nimmt die psychische Gesundheit seiner Einsatzkräfte ernst und investiert in deren Wohlbefinden. Dies ist nicht nur für die betroffenen Personen von unschätzbarem Wert, sondern trägt auch zu einer langfristig gesünderen und stabileren Einsatzkultur bei. Weitere Ausbildungsdurchläufe sind bereits geplant, um das Ziel einer flächendeckenden Versorgung mit PSNV-Ersthelfer in den kommenden Monaten und Jahren zu erreichen.
