Gesellschaft
MEMENTOmobil macht Station in Cloppenburg: Wie Erinnerungen Menschen mit Demenz neue Lebensfreude schenken
Das MEMENTOmobil der Universität Vechta macht Station im Landkreis Cloppenburg und bringt ein innovatives Konzept der Erinnerungspflege direkt zu den Menschen. Das mobile Angebot richtet sich an Demenzbetroffene, Angehörige und die gesamte Bevölkerung.
Quelle: Shutterstock.
Ein besonderes Fahrzeug hat in diesen Tagen im Landkreis Cloppenburg Halt gemacht: Das sogenannte MEMENTOmobil der Universität Vechta bringt ein innovatives Konzept in die Region, das Menschen mit und ohne Demenz dabei unterstützt, positive Erinnerungen zu wecken und gemeinsam zu erleben. Das Projekt verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse der Demenzforschung mit einem niedrigschwelligen, mobilen Angebot, das direkt vor Ort zu den Menschen kommt – ein Ansatz, der gerade im ländlichen Raum des Oldenburger Münsterlandes auf großes Interesse stößt.
Das MEMENTOmobil ist ein Projekt, das an der Universität Vechta entwickelt wurde und auf den Prinzipien der sogenannten Erinnerungspflege basiert. Dahinter steht die wissenschaftlich fundierte Erkenntnis, dass das gezielte Ansprechen von Langzeiterinnerungen bei Menschen mit Demenz positive Emotionen auslösen und das allgemeine Wohlbefinden steigern kann. Während das Kurzzeitgedächtnis bei einer Demenzerkrankung oft früh beeinträchtigt wird, bleiben Erinnerungen an prägende Lebensereignisse, vertraute Melodien, Gerüche oder Gegenstände aus der Vergangenheit häufig noch lange erhalten. Genau hier setzt das Projekt an.
Konkret bietet das MEMENTOmobil verschiedene Stationen und Materialien, die alle Sinne ansprechen sollen. Ob Musik aus vergangenen Jahrzehnten, historische Alltagsgegenstände, bekannte Düfte oder Fotografien aus früheren Zeiten – die sorgfältig zusammengestellten Erinnerungsstücke sollen Gesprächsanlässe schaffen und emotionale Brücken bauen. Das Besondere dabei: Das Angebot richtet sich ausdrücklich nicht nur an Menschen, die von einer Demenzerkrankung betroffen sind, sondern an die gesamte Bevölkerung. Auf diese Weise soll auch das gesellschaftliche Bewusstsein für das Thema Demenz geschärft und Berührungsängste abgebaut werden.
Der Halt in Cloppenburg ist Teil einer breiteren Tour, die das MEMENTOmobil durch verschiedene Orte in der Region führt. Die Universität Vechta, die sich seit Jahren als wichtiger Forschungsstandort im Bereich Gerontologie und Pflegewissenschaften einen Namen gemacht hat, verfolgt mit dem Projekt das Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die Praxis zu übertragen. Gerade in ländlichen Gebieten wie dem Landkreis Cloppenburg, wo die Versorgungsstrukturen für Demenzerkrankte oft weniger dicht sind als in großstädtischen Räumen, kann ein mobiles Angebot einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung Betroffener und ihrer Angehörigen leisten.
Die Relevanz des Themas wird durch die demografische Entwicklung in der Region noch unterstrichen. In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft derzeit rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Prognosen zufolge könnte diese Zahl bis zum Jahr 2050 auf bis zu 2,8 Millionen ansteigen, sofern kein Durchbruch in der medizinischen Behandlung gelingt. Auch im Landkreis Cloppenburg steigt der Anteil älterer Menschen kontinuierlich an. Die Herausforderung, Betroffene und ihre Familien angemessen zu unterstützen, wird damit in den kommenden Jahren weiter zunehmen.
Ein zentraler Aspekt des MEMENTOmobil-Projekts ist die Einbeziehung von Angehörigen und ehrenamtlich Engagierten. Denn Demenz betrifft nie nur die erkrankte Person selbst, sondern stets das gesamte familiäre und soziale Umfeld. Pflegende Angehörige sind häufig enormen Belastungen ausgesetzt – sowohl körperlich als auch emotional. Das MEMENTOmobil bietet daher auch einen Raum für Begegnung und Austausch, in dem Angehörige Informationen erhalten und sich mit anderen Betroffenen vernetzen können. Gleichzeitig erleben sie, wie positive Erinnerungsarbeit die Kommunikation mit ihren erkrankten Familienmitgliedern verbessern kann.
Die Erinnerungspflege, auf der das Konzept basiert, hat in den vergangenen Jahren international zunehmend an Bedeutung gewonnen. Ursprünglich in der angloamerikanischen Pflegepraxis entwickelt, wird sie mittlerweile auch in Deutschland verstärkt eingesetzt. Studien zeigen, dass das systematische Aktivieren biografischer Erinnerungen nicht nur die Stimmung von Demenzbetroffenen verbessern, sondern auch herausfordernde Verhaltensweisen wie Unruhe oder Aggressivität reduzieren kann. Im besten Fall entstehen durch die gemeinsame Erinnerungsarbeit Momente der Verbundenheit und Freude, die sowohl für die Erkrankten als auch für ihre Bezugspersonen von unschätzbarem Wert sind.
Für den Landkreis Cloppenburg bedeutet der Besuch des MEMENTOmobils auch eine Chance, das lokale Netzwerk der Demenzversorgung zu stärken. Bereits heute engagieren sich in der Region verschiedene Einrichtungen und Initiativen für die Belange von Menschen mit Demenz – darunter Pflegestützpunkte, Selbsthilfegruppen und ambulante Betreuungsdienste. Das mobile Angebot der Universität Vechta kann hier als Ergänzung und Impulsgeber wirken, indem es neue Methoden der Begegnung und Betreuung vorstellt und zur Nachahmung anregt.
Bemerkenswert ist auch der generationenübergreifende Ansatz des Projekts. Wenn jüngere Menschen gemeinsam mit älteren Generationen in Erinnerungen schwelgen, historische Gegenstände erkunden und ins Gespräch kommen, entstehen wertvolle intergenerationale Begegnungen. Das MEMENTOmobil kann so dazu beitragen, dass Demenz nicht länger als Tabuthema behandelt wird, sondern als Teil des gesellschaftlichen Lebens wahrgenommen und akzeptiert wird. Dieser entstigmatisierende Effekt ist neben der direkten Unterstützung Betroffener eines der wichtigsten Ziele des Projekts.
Die Universität Vechta plant, die Erfahrungen und Erkenntnisse aus den verschiedenen Stationen des MEMENTOmobils wissenschaftlich auszuwerten und in die Weiterentwicklung des Konzepts einfließen zu lassen. Damit verbindet das Projekt Praxisnähe mit akademischer Forschung – ein Ansatz, der auch für andere Regionen in Niedersachsen und darüber hinaus als Modell dienen könnte. Für die Menschen im Landkreis Cloppenburg bietet der Besuch des MEMENTOmobils eine seltene Gelegenheit, ein innovatives Angebot der Erinnerungspflege direkt vor der eigenen Haustür zu erleben und sich aktiv mit einem Thema auseinanderzusetzen, das in einer alternden Gesellschaft alle betrifft.
